Depression und Sex
Der Verlust der Libido ist ein sehr häufig auftretendes Symptom bei depressiven Störungen. Ungefähr die Hälfte aller Menschen in einer depressiven Episode, geben an, dass sie ihre Lust auf Sex verloren haben. Die Ursachen können sehr unterschiedlich sein, aber mit einem offenen Umgang und der richtigen Behandlung kann vielen Betroffenen geholfen werden. Und das führt uns zum eigentlichen Kern des Problems. Denn offener Umgang mit Sex fällt nicht nur den Patient:innen schwer. Nach wie vor vermeiden Therapeut:innen und Ärzt:innen dieses Thema. Vielleicht weil es ihnen peinlich ist, vielleicht weil sie ein erfülltes Sexleben als nebensächlich erachten, vielleicht weil es drängendere Themen in der Therapie gibt. Dabei übersehen sie leider, dass der Verlust von freudvollem Sex die depressiven Episode verlängern oder sogar verschlimmern kann.
Die Tabuisierung von Sex bei der Behandlung von Depressionen führt auch dazu, dass Patient:innen, die mit Antidepressiva behandelt werden, häufig nicht vollständig aufgeklärt werden. Es ist Pflicht, vor der Verschreibung eines Medikaments über die Nebenwirkungen aufzuklären. Dass die am meisten verschriebenen Antidepressiva in Deutschland (Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI)) einen Verlust der Libido als Nebenwirkung haben, wird allerdings oft bei der Aufklärung nicht erwähnt. Nicht nur, dass SSRI die Lust auf Sex beenden können, mitunter kann diese Nebenwirkung auch über Monate oder sogar Jahre anhalten, nachdem das Medikament abgesetzt wurde. Also ich würde gerne über diese mögliche Nebenwirkung informiert werden, bevor ich mich für diese Behandlung entscheide.
Unser Gesundheitssystem und die Behandelnden ignorieren, dass ein erfülltes Sexleben zur Verbesserung der depressiven Symptome beitragen kann. Sex haben ist tatsächlich gesund. Es stärkt unser Immunsystem und unseren Selbstwert und kann so dazu beitragen, eine depressive Episode zu überwinden. Das Tabu zu brechen und den Zusammenhang zwischen Sex und psychischer Gesundheit ernstzunehmen ist wichtig und ich kann euch nur alle dazu ermutigen, das Thema Sex in eurem Leben nicht zu unterschätzen. Ein Weg dieses Tabu zu brechen könnte sein, mit deinem:r Therapeut:in darüber zu sprechen, dass dir Sex wichtig ist und du auch daran arbeiten möchtest, deine Libido in despressven Episoden zu schützen und zu stärken.
Ein anderer Weg kann sein, zu mir in die Beratung zu kommen. Gemeinsam schauen wir, was die Ursache deines Libidoverlusts ist. Was bei den meisten Menschen passiert, ist, dass die Depression unseren Selbstwert verringert. Das kann zum Beispiel daran liegen, dass wir tief in uns eine Überzeugung herumtragen, die sehr negativ und lieblos uns selbst gegenüber ist. Die Klassiker: “Ich bin nicht liebenswert.”, “Ich bin nicht schön.” oder “Ich genüge nicht.” Diese Grundannahmen pflanzen uns – bewusst oder unbewusst – die Menschen ein, die uns aufziehen. Die meisten Erwachsenen schaffen es, im Laufe ihres Lebens diese Annahmen zu verändern oder sich von ihnen nicht verunsichern zu lassen. Wenn wir aber eine depressive Episode erleben, fokussiert sich unsere ganze Aufmerksamkeit auf diese negative Überzeugung. Zusätzlich fehlt unserem aktiv depressiven Gehirn die Ressourcen, um diesen Satz zu entkräften oder neu zu denken. In der Beratung unterstütze ich dich dabei, diesen negativen Grundannahmen die Schwere und Unumstößlichkeit zu nehmen. Gemeinsam schauen wir, was deinem Selbstwert gut tut und wie du dich in harten Zeiten vor deiner eigenen inneren Kritik schützen kannst. Ich erlebe oft, dass Akzeptanz und Zärtlichkeit für sich selbst eine wundervolle Medizin gegen Selbstzweifel und Selbsthass sein können. Wer sich gerade wegen der Depression selbst hasst, fickt sich auch nicht gern. Wer lernt sich zu lieben und zu akzeptieren bekommt erst wieder Lust auf Sex mit sich selbst und später Lust auf Sex mit anderen.
Kümmert euch gut um euch, eure psychische Gesundheit und eure sexuellen Bedürfnisse. Fucking is selfcare <3