Das Oral-Tutorial
Es gibt etwas, das ich in meiner sexualtherapeutischen Arbeit ständig beobachte: Menschen tun sich erstaunlich schwer damit, beim Sex miteinander zu reden. Und zwar nicht nur bei den großen Themen. Nicht nur bei „Ich würde gerne mal Fesseln ausprobieren” oder „Ich glaube, ich hätte gerne mal einen Dreier.“ Sondern oft schon bei sehr kleinen Dingen. „Ein bisschen langsamer vielleicht.” „Lieber mit der Zunge als mit den Fingern, bitte.” „Kannst du genau das machen, aber bisschen weiter oben?” Es klingt so einfach, ist es aber für viele überhaupt nicht. Der Grund ist meistens nicht mangelndes Vertrauen oder fehlende Lust — sondern Angst. Angst davor, kompliziert zu wirken oder unsexy zu sein. Und damit den Moment kaputt zu machen. Viele Menschen denken beim Sex: „Wenn ich jetzt sage, dass ich das gerade nicht mag, denkst du bestimmt, dass ich den Sex insgesamt schlecht finde.“ oder „Wenn ich jetzt anfange Anweisungen zu geben, wird das alles technisch und awkward.“ Die Folge ist leider oft, dass wir gar nichts sagen. Vielleicht sogar Dinge passieren lassen, die wir gar nicht wollten. Und wir trainieren uns damit über Jahre hinweg an, nicht über Sex zu reden. Dabei gilt auch hier etwas sehr Banales: Wenn wir etwas regelmäßig tun, dann werden wir besser darin. So ist unser Gehirn gebaut. Die Frage ist nur, wie anfangen? Wenn du auch Schwierigkeiten hast, beim Sex zu sagen was du möchtest, weil du Angst hast, den Vibe kaputtzumachen, dann empfehle ich dir folgende Übung. Ich nenne sie das Oral-Tutorial. Die Idee ist, sich der eigenen Angst zu stellen und sie nicht zu vermeiden, auch wenn das kompliziert oder peinlich klingt. Dieser Ansatz kommt ursprünglich aus der Verhaltenstherapie und nennt sich Expositionstraining. Uns so funktioniert’s:
Das Oral-Tutorial
Die Idee ist simpel. Wenn du regelmäßig mit jemandem schläfst und merkst, dass es dir schwerfällt, Wünsche oder Grenzen anzusprechen, dann warte auf einen entspannten Moment. Vielleicht liegt ihr zusammen im Bett, kuschelt, seid nah beieinander.
Und dann sagst du ungefähr sowas:
„Ich hätte Lust, richtig gut darin zu werden, DIR Oral-Sex zu geben. So gut, dass am Ende wirklich keine Wünsche offenbleiben. Hättest du Lust, mir mal ganz genau zu erklären, was für dich am besten funktioniert?"
Du bittest also um ein Oral-Tutorial. Und dann passieren zwei Dinge. Das erste: Die andere Person fühlt sich geschmeichelt. Sehr sogar. Weil es eine tolle Frage ist. Jemand sagt damit im Grunde: „Ich möchte verstehen, wie ich dir möglichst viel Lust bereiten kann.“ Das ist süß, lustig und total heiß. Da wird gekichert und geküsst. Da passiert erstmal ganz viel Bindung - und die wirkt hervorragend gegen Angst und Unsicherheit.
Und dann passiert das zweite. Die Person in deinem Arm fängt an, über sexuelle Bedürfnisse zu reden. Ganz ohne peinliches Rumgedruckse, ganz ohne Konflikt. Es geht plötzlich um konkrete Dinge: Lieber langsame oder schnelle Bewegungen? Mehr Druck? Lange auf einer Stelle bleiben oder lieber variieren? Sind Orgasmen beim Oral-Sex überhaupt ein Thema oder eher nicht? Sei aufmerksam und versuche, dir einige der Vorlieben zu merken. Denn was ich besonders wertvoll an dieser Übung finde, ist, dass zwischen Theorie und Praxis genau ein Satz liegt:
„Meinst du so?“
Und plötzlich steckt ihr mitten in der Umsetzung. Und hier möchte ich dich besonders ermutigen, das Gespräch nicht abreißen zu lassen. Frag nach und bleib neugierig. „Ist das langsam genug?“ „Noch mehr Druck?“ „So besser?“. Ab hier darf Kommunikation gerne sexy werden. Denn personalisierten Sex zu bekommen fühlt sich meistens ziemlich großartig an. Da fühlst du dich gesehen und gewollt. Da gibt sich jemand ganz viel Mühe um dich, ganz speziell dich, so geil wie möglich zu machen.
Aber – und das ist der eigentliche Punkt der Übung – darum geht es gar nicht primär. Der Kern dieser Übung ist ein anderer. Es geht nicht darum, die andere Peron so geil wie möglich zu machen, sondern um etwas, was in der Psychotherapie korrigierende Erfahrung heißt. Du erlebst, dass über Sex reden nicht automatisch unangenehm sein muss. Dass Kommunikation nicht den Vibe zerstört. Dass über sexuelle Bedürfnisse sprechen oft zu mehr Nähe führt. Und in diesem Fall sogar auch zu mehr Gekicher, was den Druck nehmen kann. Und am Ende meistens auch zu besserem Sex.
Viele Menschen haben das Gefühl, dass Sprechen beim Sex etwas Technisches hat. Diese Übung zeigt oft genau das Gegenteil. Reden kann heiß sein. Reden kann Nähe schaffen. Reden kann verspielt sein. Und wie bei allem gilt: Übung macht es leichter. Je häufiger wir sexuelle Wünsche aussprechen, desto selbstverständlicher wird es. Und als Kirsche auf der Torte bekommst du so auch mehr Skills im Oral geben, auch nicht zu verachten ;)